Warum Binnenschifffahrt eine echte Alternative zum Lkw ist

Trends beim Transport auf Wasserstraßen

Entlastung für die Straßen: Gütertransport per Binnenschiff Foto: B. Dettmer Reederei
17. Oktober 2017 - in Häfen & Logistik


Während der Gütertransport auf vollen Autobahnen und in Städten augenfällig ist, wirkt es auf den Wasserstraßen eher ruhig. Doch auch hier werden Waren transportiert. Zeit, einmal bei der Bremer Reederei B. Dettmer GmbH & Co. KG nachzufragen. Im Gespräch erläutert Geschäftsführer Albert Kohlmann, was Binnenschiffsreedereien aktuell bewegt.

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Herr Kohlmann, was treibt die Bremer Binnenschifffahrt in diesen Tagen um?

Albert Kohlmann: Die Themen sind identisch mit denen der gesamten deutschen Binnenschifffahrt. Wir beobachten, wie sich die Märkte, Frachten und Volumina entwickeln – aber genauso wichtig: Wie entwickelt sich die Infrastruktur? Leider ist die Gesamtinfrastruktur der Wasserstraßen in Deutschland in meinen Augen seit Jahrzehnten unterfinanziert. Und wenn der Bund Geld zur Verfügung stellt, dann ist diese Summe ja nicht nur für den Neubau, sondern auch für Instandhaltung gedacht.Das Thema Ausbau der Mittelweser ist gerade beendet: Seit Eröffnung der Schleuse in Minden im August 2017 ist die Weser für größere Schiffe bis 110 Meter Länge freigegeben. Wir sind gespannt, wie sich der Schiffsverkehr entwickelt und wie viele und wie schnell größere Schiffe kommen werden.

Der Anteil der Binnenschifffahrt am Transport könnte also größer werden?

Albert Kohlmann: Wir haben derzeit beim Transport eine Anteilsverteilung von etwa 70 Prozent LKW, 18 Prozent Bahn und 12 Prozent Binnenschifffahrt. Diese 12 Prozent halte ich für steigerbar. Aus dem einfachen Grund, dass wir keine Staus auf unseren Wasserstraßen haben – im Gegensatz zum Straßenverkehr.

Wir alle fahren täglich auf den Autobahnen und stehen dabei oft im Stau. Wie lange gucken wir uns das noch an?

Wie lange wollen wir warten, bevor wir die Verkehre so steuern, dass ein alternativer Verkehrsweg, seien es nun die Bahn oder das Binnenschiff, attraktiv wird? Der Anteil des Transports mit dem Binnenschiff könnte sicherlich auf bis zu 20 Prozent ansteigen.

Welche Vorteile bietet der Transport von Binnenschiffen?
Albert Kohlmann: Abgesehen davon, dass es auf den Wasserstraßen keinen Stau gibt, sind sie ganzjährig befahrbar – 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche. Der nächste Vorteil sind die deutlich geringeren Kosten im Vergleich zum Lkw. Binnenschiffe haben außerdem ein geringes Unfallrisiko und eignen sich daher besonders für den Transport von Gefahrgut. Der indirekte Vorteile des Binnenschiffs aber ist die Entlastung des Straßen- und Schienenverkehrs. Ein modernes Binnenschiff ersetzt 90 LKWs. Auch im Bereich der Schwerguttransporte sind Binnenschifffe oft eine echte Alternative. Wir erleben ja gerade im Moment die Diskussion um die Dauer der Genehmigungsverfahren beim Straßentransport.

Welche Güter transportiert die Reederei Dettmer per Binnenschiff?

Albert Kohlmann: Wir transportieren die ganze Palette: von Kohle über Baustoffe, Sondertransporte, Schwergut, Zellulose, Futtermittel und Getreide – was immer Sie wollen. Auch Flüssiggüter wie Treibstoffe und Heizöl – wir transportieren im Grunde alles, was man in ein Trockengüterschiff oder Tankschiff rein bekommt.

Ganzjährig befahrbare Wasserstraßen – 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche
Foto: B. Dettmer Reederei

 

Immer öfter sieht man auch Container auf Binnenschiffen. Ist das ein Trend?

Albert Kohlmann: Container transportiert die Reederei Dettmer von Fall zu Fall, wir machen jedoch keinen Liniendienst. Containerbinnenschiffe sind im Norden eher die Ausnahme. Etwas mehr sind es von Hamburg zum Mittellandkanal, aber auch dort sind es keine weltbewegenden Zahlen. Das hauptsächliche Containergeschäft findet auf dem Rhein statt: von und nach Rotterdam und Antwerpen. Das hängt damit zusammen, dass wir auf der Weser und dem Mittellandkanal niedrigere Brücken haben, die nur einen zweilagigen Transport von Containern zulassen, während man am Rhein vier Lagen hoch stapeln kann.

Wegen der 7 Meter hohen Brücken sind die Schiffe auf dem Rhein wesentlich größer und breiter. Ich sehe auch bei uns eine Zunahme des Containerverkehrs – aber nicht in dem Maße wie er auf dem Rhein stattfindet.

Was müsste aus Ihrer Sicht für die Binnenschifffahrt getan werden?Albert Kohlmann: Die Bundesregierung kann hier Rahmenbedingungen setzen: Infrastruktur sowie Kosten wie beispielsweise Kanalabgaben so zu gestalten, dass wir vernünftig arbeiten können. Wir haben Fälle von Schiffen gehabt, die wochenlang vor einer Schleuse lagen und nicht passieren konnten.

Die Schleusen sind vergleichbar mit den Brücken in Deutschland, die so alt und marode sind und in deren Überholung mehr investiert werden müsste.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich natürlich sagen: Macht alle Flüsse und Kanäle kompatibel. Die Schiffe unterscheiden sich je nach Fahrtgebiet deutlich in der Größe. Das ist ungefähr so, als würde man Autobahnen bauen und auf der einen können 45-Tonner fahren und auf der anderen 25-Tonner – da würde sich auch jeder an den Kopf fassen. Aber mir ist bewusst, dass Dinge wie Vertiefung, Verbreiterung und Kurvenbegradigung sowohl finanziell als auch ökologisch nur in einem großen Zeitrahmen zu realisieren sind.Selbst wenn die Finanzierung geklärt wäre – mit Planfeststellungsverfahren und allen weiteren Schritten dauert so etwas um die 30 Jahre. Das zeigt das Beispiel des Ausbaus der Mittelweser. Wir sind jetzt im Jahre 2017, und begonnen hat das Thema Ausbau für Großmotorgüterschiffe auf der Weser im Jahre 1993 – das ist der Zeitrahmen.

Wie ist die Zusammenarbeit der Unternehmen mit der Stadt Bremen?

Albert Kohlmann: Wir sind in einem regelmäßigen Austausch mit dem Verkehrssenat. Wir haben alle Dinge, die uns auf dem Herzen lagen, wie beispielsweise Liegeplätze, Stromanschlüsse oder Wasserversorgung im Fokus. Die Stadt Bremen hat da viel getan und investiert. Wenn ein Binnenschiff hier in den bremischen Häfen oder in der Stadt liegt, dann braucht es beispielsweise Strom. Das Schiff kann dann einen Hilfsmotor laufen lassen, doch der produziert Lärm und Abgase. 

Wenn wir wollen, dass das Schiff seinen Hilfsmotor am Liegeplatz nicht laufen lässt, dann müssen wir ihm Strom liefern. Das macht Bremen vorbildlich.

Insofern sind wir in einem guten Kontext mit Bremen. Alle echten Belange, die wir haben, können wir positiv ansprechen und finden ein offenes Ohr. Da sind wir auf einer Vertrauensebene.

Dennoch gibt es offene Wünsche für die Zukunft?

Albert Kohlmann: Wir fordern als Schifffahrtsunternehmen, dass wenn die Bahn die geplante Trassenpreishalbierung bekommt, die Eigner von Binnenschiffen einen Erlass der Kanalabgaben bekommen. Darüber gibt es seit Monaten Verhandlungen mit dem Verkehrsministerium, und es wurde bereits ein Gutachten erstellt. Wie es entschieden wird, wissen wir noch nicht. Fakt ist aber: Wenn wir die Gebühren weiter bezahlen müssen und die Bahn die Reduzierung bekommt, haben wir einen Wettbewerbsnachteil.


Herr Kohlmann, vielen Dank für das Gespräch!

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